Eine Selbsterfahrung besonderer Art
Am 30. März trafen sich 10 Frauen im St. Johannis Kindergarten in Krummesse.
Edith Kruck, Iris Kruck, Dorothee Lange, Helena Maslowiec und Wilma Lasarzewski
waren dabei. Die anderen Frauen waren Erzieherinnen aus dem Kindergarten.
Wir trafen uns dort, weil Jana in diesen Kindergarten geht und wir sollten
eine kurze Schulung bekommen, wie man blinden Kindern u.a. Geschichten
vermittelt. Wir sollten das Thema Blindheit hautnah erleben, damit wir
Jana besser verstehen können. Wir wurden von drei Sonder-pädagoginnen von
der Staatlichen Schule für Sehgeschädigte aus Schleswig durch diesen interessanten
Nachmittag begleitet.
In der Vorstellungsrunde sollte jeder sagen, was er mit Jana verbindet.
Einige sagten, Fröhlichkeit, süsses Mädchen, Offenheit, etc.
Wir hörten als erstes eine Geschichte über Pferde. Eigentlich nichts besonderes,
aber wir hörten sie blind. Wir alle trugen Augenbinden und das war sehr
ungewohnt. Da merkte man erstmal, wie langweilig es ist, wenn man zuhören
soll, ohne Chance, Bilder anzusehen. Deswegen bekam man während der Geschichte
Gegenstände in die Hand, wie z.B. eine Reiterkappe, die das Mädchen in
der Geschichte verloren hatte. Oder Heu, was das Pferd gefressen hatte.
Oder Möhren und Äpfel. Dadurch wurde die Geschichte erst lebendig und man
konnte sich das alles besser vorstellen. Eine gute Idee fürs Geschichtenerzählen.
Auch für Sehende.
Dann sollten wir uns verschiedene Dinge „ansehen“, entweder mit oder ohne
Augenbinde. Die meisten haben es blind getan und das war für mich unglaublich
schwer. Ich habe mir die Spieleecke als erstes vorgenommen. Spiele, die
für Blinde sind. Domino, das Leiterspiel, Farbspiele (ja, auch das lernen
Blinde anhand von verschiedem Material), Memory, Gewichtsspiele, etc. Eine
grosse Auswahl an Möglichkeiten, Tastsinn und Gedächtnis zu trainieren.
Für mich waren die Spiele total verwirrend und ich konnte mit dem, was
meine Hände ertasteten, nicht viel anfangen.
Dann ging es in den Ruheraum, wo allerhand Kissen und Tücher rumlagen und
auch als Höhle verbaut wurden. In diesem kleinen Raum war ein Schatz versteckt,
den ich nach langem Suchen auch fand. Eine Kiste mit Ketten und allerlei
war das (was allerdings ein Arm von einer Schaufensterpuppe dort machte,
frage ich mich heute noch..) Aber diesen Raum empfand ich als beklemmend
und ich fühlte mich gar nicht wohl. Andere Teilnehmer dagegen mochten diese
Enge und empfanden es als Sicherheit. Dann konnten wir noch in Reis oder
Bohnen mit den Fingern wühlen, in Becher füllen o.ä.
Schliesslich wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt und das war die Herausforderung
des Tages: Blindes Kaffeetrinken! Die erste Gruppe sollte Stühle und Tische
aus dem Raum zusammen stellen, die zweite Gruppe machte sich auf den Weg
in die Küche um den Essenswagen zu besorgen und dann den Tisch mit Teller,
Becher und Kuchengabeln zu bestücken. Die dritte Gruppe teilte den Kuchen
aus. Das war ein riesen grosses Durcheinander. Man musste sich im Team
absprechen, wer hat schon wo die ersten Tische und Stühle gestellt? Hat
jeder einen Platz? Wo findet man Stühle in einem fremden Raum? Wo ist die
Küche eigentlich und finden wir den Weg mit dem Wagen und dem vielen Geschirr
wieder heil zurück in den Gruppenraum? Wie fässt man eigentlich Kuchen
an, wenn man nicht genau weiss, wie und wo er auf dem Teller liegt und
was es genau für einer ist? Torte oder trockener Kuchen? Wie schenkt man
sich Tee/Kaffee ein, ohne dass die Tasse überläuft oder man sich den Finger
verbrennt? Keiner war da um mal eben nachzufragen, wir waren alle blind.
Ausser den Frauen von der Sehschule, die fröhlich fotografierten und wenn´s
brenzlig wurde, mal eingriffen, aber ansonsten waren wir auf uns selbst
gestellt. Eine echte Schulung.
Am Ende durften wir die Augenbinden wieder abnehmen und bestaunen, wie
wir auf unserem Teller rumgeschmiert hatten......
Wir schauten auch noch einen kurzen Film über blinde Kinder, wie wichtig
Körperkontakt und Bewegung für sie sind.
In der Abschlussrunde konnte dann jeder noch mal sagen, wie er Jana jetzt
sieht und was für Erkenntnisse man jetzt durch die Selbsterfahrung hat.
Alle sagten, dass man Jana nun in einigen Sachen besser verstehen kann,
warum sie manches tut oder eben auch nicht tut. Und wie gut sie ihr Leben
eigentlich meistert. Ausserdem stellten wir fest, wie wichtig das Hören
ist und dass ein totales Durcheinander das Orientieren sehr schwer macht.
Für mich als Mutter war der ganze Nachmittag ziemlich emotional, denn die
12 anderen Menschen waren nur wegen Jana gekommen. Sie kamen um Jana besser
verstehen zu können, Gestaltungsvorschläge zu erhalten und um sich mit
dem Thema Blindheit auseinanderzusetzen. Ich war unglaublich dankbar und
glücklich, dass Jana so vielen Menschen wichtig ist und sie sich um Janas
Bedürfnisse kümmern möchten. Denn eigentlich sind nur 2 Erzieherinnen in
Janas Kindergartengruppe.
In der Gemeinde wechselt Jana nun in die nächste Kindergruppe und es wird
dann schon etwas umfangreicher mit ihr. Ich danke Gott von Herzen, dass
auch hier Menschen bereit sind, Jana durch ihr Leben zu begleiten und zu
prägen. Wahrscheinlich wird es dann noch mal eine Schulung für alle Sabbatschulhelfer
der Mäusegruppe (bzw. alle Interessierten) geben, damit der Kindergottesdienst
für Jana lebendig und ansprechend ist und die Helfer vorbereitet und sich
nicht selbst überlassen sind.
Iris Kruck