Unsere Geschwisterkinder
Nach unserem Treffen in Gernrode hatte ich so die Idee, wir sollten auch
mal wieder die Geschwister unserer besonderen Kinder etwas hervorheben.
Mir und auch anderen Eltern war aufgefallen, was sie doch für eine enorme
Leistung im Umgang mit ihren gehandicapten Geschwistern erbringen.
Bei den meisten Familien wird es sich sicherlich ähnlich abspielen, wenn ein Kind mit einer Behinderung zur Welt kommt oder durch eine Krankheit, dann behindert ist, verändert sich vieles in der Familie. Wir als Eltern bringen zunächst unsere ganze Kraft für das Kind mit der Behinderung auf, sicherlich einmal um selbst mit der Situation fertig zu werden und zum anderen, weil ja doch mehr Fürsorge von uns abverlangt wird und anfänglich mehr Arztbesuche und Krankenaausaufenthalte anstehen sowie später auch häufig Therapien.
In dieser Phase müssen unsere Geschwisterkinder oft viel zurückstecken, da sie doch oft ungewollt zu kurz kommen. Mit der Zeit pegelt sich sicherlich der Familienalltag wieder ein und auch die Geschwisterkinder kommen wieder mehr zu ihrem Recht.
Man sollte sich immer vor Augen halten, dass auch die Geschwisterkinder Aufklärung, Aufmerksamkeit, Zuwendung, Zeit und Liebe brauchen, um die Situation der Familie mit tragen zu können.
Oft erwarten wir als Eltern auch viel von unseren gesunden Kindern, wie Rücksichtnahme und sich zurückzunehmen.
Bei uns in der Familie war es mit Sicherheit auch so. Zum Glück war Vincent
bei der Geburt von Pauline fast 11 Jahre alt, so dass er die Situation
eine blinde Schwester zu haben, sehr gut gemeistert hat. Natürlich musste
auch er am Anfang viel zurückstecken, weil wir selber erstmal damit zu
tun hatten die Diagnose zu verkraften und uns mit der neuen Lebenssituation
auseinanderzusetzen. Außerdem brauchte und braucht Pauline sehr viel mehr
Zeit und Aufmerksamkeit. Sehr schnell kam dann aber unser schlechtes Gewissen
und die Erkenntnis, dass Vincent uns hinten runter fällt. So haben wir
dann angefangen feste Zeiten einzurichten, die nur Vincent gehörten, wo
er im Mittelpunkt stand und steht. Wir fahren jedes Jahr eine Woche allein
mit Vincent weg und es war ihm, denke ich, auch sehr wichtig. Oft haben
wir uns auch geteilt, so dass einer immer Zeit für ein Kind hatte. Bei
Vincent und Pauline scheint uns das recht gut gelungen zu sein, wobei uns
sicherlich auch der Altersunterschied zu Hilfe gekommen ist. Die beiden
sind ein Herz und eine Seele und Vincent hat sich bisher auch noch nicht
für seine Schwester geschämt. Er hat sogar freiwillig in der Schule einen
Vortrag zum Thema Behinderung gehalten.
Nun noch einmal zu unserem Treffen in Gernrode. Mir ist dort wieder aufgefallen,
wie selbstverständlich unsere gesunden Kinder mit den behinderten Kindern
umgehen, ob jetzt Geschwister oder andere Kinder. Es war sehr schön anzusehen,
wie sie sich gegenseitig geholfen und unterstützt haben, aber auch genossen
mal unter sich zu sein. Ich denke, gerade für die gesunden Geschwister
ist unser Treffen immer eine Bereicherung. Sie müssen sich nicht erklären,
sie sehen, dass auch andere das selbe Schicksal haben und sie schließen
Freundschaften.
Ich möchte noch ganz kurz ein Beispiel beschreiben, was mich in Gernrode sehr beeindruckt hat. Tim (blind) und Leonie (blind mit Hemiparese) wollten im Keller des Hauses ein Spiel spielen. Irgendetwas musste aber nicht funktioniert haben. Sie kamen aufgeregt aus dem Haus gelaufen und riefen nach Tim’s Mutti (Marion). Marion war aber weiter weg und ich kam gerade hinzu. Sie erzählten mir dann, dass sie noch etwas gezeigt haben möchten. In dem Moment kam auch Marvin (gesunder Bruder von Leonie) dazu und er wollte den beiden helfen. Es war ein wunderschönes Bild wie Marvin mit den zwei blinden Kindern loszog, Tim schob er vor sich her und Leonie zog er hinter sich her. Es war alles überhaupt kein Problem. Nur leider hatte ich da keinen Fotoapparat dabei!!!
Für Euch aufgeschrieben
von Antje Mustapha, Halle, 2006-08-2