Ein neues Baby
von Sandra Jasper
Schon in der Schwangerschaft bemerkte ich, wie Nils mir gegenüber abweisender wurde und sich mehr dem Papa zuwandte. Je größer mein Bauch wurde, desto mehr lehnte mich Nils damals ab. Wir versuchten ihm zu erklären, dass er bald ein Geschwisterchen bekommen würde und haben ihm anhand von Puppen gezeigt, wie ein Baby so ungefähr aussehen könnte. Verstanden hat er es zu dem Zeitpunkt aber nicht. Als Nina geboren wurde, war Nils gerade mal 22 Monate alt. Davor 22 Monate lang voll auf die Mutter fixiert und total anhänglich. Als ich im Krankenhaus lag, haben wir uns überlegt, wie wir ihn an das Baby heranführen könnten. Ich war ja, als die Wehen einsetzten von heute auf morgen 5 Tage weg.
Als Nils dann mit Papa ins Krankenhaus kam, wollte er gar nichts wissen, war total ablehnend und hat nur geschrieen. Für mich war das schlimm, denn wir hatten uns so sehr auf ein Geschwisterkind für ihn gefreut. Als ich dann zu Hause war, hat Nils jedes Mal mitgeweint, wenn das Baby auch geweint hat. Jedes Geräusch, das Nina von sich gegeben hat, empfand er als Bedrohung.
Wir haben ihn nie gedrängt, dass er seine Schwester berühren solle. Ihn einfach gelassen und ihm Zeit gegeben. Nach ein paar Wochen war es für ihn soweit ok. Er kam damit klar, dass er jetzt nicht mehr an erster Stelle steht. So gut es ging, habe ich ihn überall mit einbezogen. Was man macht wenn man stillt usw.
Nina wurde älter und lernte sitzen und sich fortzubewegen. Mit jedem Entwicklungsschritt brach für Nils erneut wieder etwas ein. Wir haben ihn in dieser Zeit sehr unzufrieden, wütend und bockig erlebt! Er schaffte es soweit, dass ich nicht mehr wusste mir selbst zu helfen.
Sobald Nina auch nur einige Meter in seine Nähe kam, brüllte er was das Zeug hielt. Es war nicht mehr auszuhalten. Am Ende war ich soweit, dass ich die Kinder in zwei Zimmer verteilte. War ich mit Nils allein, war er wie ausgewechselt und das fröhlichste Kind, das man sich vorstellen kann. War ich mit beiden Kindern zusammen, hatte ich den blanken Horror.
Es war uns nicht mehr möglich als Familie zu viert am Tisch zu sitzen und zu essen.
Dann war ich mit den Nerven so weit unten, dass ich mir professionelle Hilfe holte. Nach langem Hin und Her, und vielen Behördengängen und Anträgen ausfüllen, haben wir dann vom Jugendamt eine psychologische Familienhilfe bewilligt bekommen. Die Frau hatte viel Erfahrung mit behinderten Kindern, aber mit einem blinden Kind nicht. Sie kam am Anfang zweimal die Woche und zu letzt einmal die Woche.
Als Nina laufen lernte und jetzt auch zu sprechen angefangen hat, hat sich die Situation entspannt. Nina ist eine sehr hilfsbereite Schwester. Sie bringt ihm Sachen und teilt gerne mit ihrem großen Bruder. Mit ihren fast 2 Jahren hat sie begriffen, dass Nils irgendwie anders ist, als die anderen Kinder. Wenn sie ihm was geben möchte, gibt sie es ihm direkt in die Hand. Anfangs hat sie es ihm immer hingestreckt und versucht mit ihm Blickkontakt aufzunehmen.
Ich würde die momentane Situation als „normal“ einstufen. Es gibt immer mal wieder Zoff zwischen den beiden und die ein oder andere Eifersüchtelei, aber so schlimm wie es am Anfang war, ist es nicht mehr.
Nils hat ein Jahr gebraucht, bis er Nina überhaupt angefasst hat! Jetzt sind die beiden sich bei vielen Dingen einig, besonders wenn es darum geht Quatsch zu machen und die Eltern zu ärgern!
Ich kann sagen, dass ich wieder Freude an meinen Kindern habe und unbeschwert durch den Alltag gehen kann, was ich vor einem Jahr nicht sagen konnte!